Herr Sutter, was fasziniert Sie an der Arbeit im alpinen Gelände – und speziell am Säntis?
Die Verbindung reicht weit zurück. Ich bin in Urnäsch aufgewachsen und meine Mutter nahm mich 1973 mit auf die Schwägalp, wo gerade die Säntisbahn gebaut wurde. Ich war sieben Jahre alt und beobachtete, wie die Arbeiter das Seil ein zogen. Da fragte ich mich: Wie funktioniert so etwas? Diese Faszination hat mich nie mehr losgelassen. Heute, über fünfzig Jahre später, darf ich selbst beim Neubau dieser Bahn mitwirken – das ist schon sehr speziell.
Wie sind Sie zur Seilbahnbranche gekommen?
Ich habe ursprünglich Automechaniker gelernt und betreute unter anderem die Fahrzeuge der Säntis-Schwebebahn. Doch die Faszination für die Seilbahntechnik liess mich nicht los. Also absolvierte ich das Studium zum Maschineningenieur an der Hochschule für Technik in Rapperswil – heute Fachhochschule OST – und bekam eine Anstellung bei der Städeli Lift AG, dann bei der Garaventa AG. Man sagte mir: Nach fünf Jahren in dieser Branche hat dich das Seilbahnvirus gepackt – und sie hatten Recht.
Was begeistert Sie an dieser Arbeit?
Die Kombination von Technik, Natur und Menschen. Wir arbeiten mit hochqualifizierten Fachleuten aus verschiedenen Bereichen und am Ende steht ein Produkt, das Sinn ergibt. Man sieht, was man geschaffen hat: Menschen gelangen sicher auf den Berg und geniessen ein wunderbares Erlebnis.
«Mensch und Technik in der Natur zu verbinden, ist einmalig.»
Was unterscheidet die neue Säntisbahn von anderen Projekten?
Zwei Dinge: Erstens ist der Säntis einer der wetterexponiertesten Berge der Schweiz. Wind, Eis und Temperaturschwankungen sind extreme Herausforderungen. Zweitens ist es kein Grüne-Wiese-Projekt; wir übernehmen so viel wie möglich von der bestehenden Infrastruktur, wie etwa Fundamente, Einfahrbuchten und die Wagenhalle. Zudem müssen wir die neue Stütze so positionieren, damit wir an der alten vorbeikommen. Das ist das Herausfordernde an diesem Projekt, die alten und neuen Elemente so gut wie möglich miteinander zu verbinden.
Sie haben es erwähnt: Der Säntis gilt als Wetterphänomen. Wie berücksichtigen Sie das?
Wir müssen mit Wind und Vereisung rechnen, was bedeutet, dass gewisse Abschnitte sehr rasch zufrieren. Die Bahn muss aber sicher betrieben werden können, und auch nach einer Eisperiode rasch wieder einsatzbereit sein. Um die Verfügbarkeit bei Wind erheblich zu verbessern, haben wir die Seilabstände auf der Stütze vergrössert, damit die Kabine bei starkem Wind seitlich mehr pendeln kann.
Neu wird es nur noch eine Stütze statt zwei geben. Warum dieser Entscheid?
Weniger ist hier mehr. Mit nur einer Stütze vermeiden wir Lawinenrisiken und schaffen ein schlankeres, sicheres System. Dafür wird diese eine Stütze höher, und die Seile müssen stärker gespannt werden. Die Kräfte auf den Tragseilen sind doppelt so hoch wie bei der alten Bahn – das ist projektspezifisch eine grosse Herausforderung.
Eine einzige Stütze reicht aus, um eine Seilbahn zu tragen?
Die Stützen tragen nicht die ganze Bahn, sie halten die Seile nur auf Höhe. Die Hauptkräfte fangen die Stationen ab. Heute verfügen wir über technische Möglichkeiten, die früher nicht existierten. Mit moderner Berechnung lässt sich das sicher und zuverlässig umsetzen.
Ueli Sutter, Projektleiter Verkauf Garaventa AG
Er ist die zentrale Ansprechperson für den Neubau der Säntisbahn. Von der ersten Analyse über die technische Planung bis zur Umsetzung laufen die Fäden bei ihm zusammen. Aufgewachsen in Urnäsch, prägte ihn der Säntis schon als Kind. Nach einer Automechaniker-Lehre und dem Maschineningenieur-Studium wechselte er in die Seilbahnbranche. Heute koordiniert er anspruchsvolle Seilbahnprojekte in der Schweiz.
Baustellen-Information «Säntis 2026»
Freuen Sie sich auf spannende Einblicke, Fakten und Insider-Informationen zur aktuellen Bauphase. Eine Fachperson berichtet über die Herausforderungen, Meilensteine und das Teamwork auf dem Weg zur Neueröffnung im Spätherbst 2026.
Wie viel Schweizer Präzision steckt in der neuen Säntisbahn?
Sehr viel! Die gesamte Planung und Projektleitung der Elektromechanik läuft über Garaventa; die Seilbahntechnik wird in unserer Zweigniederlassung in Goldau produziert. Die Seile liefert die Fatzer AG aus Romanshorn. Die Kabinen kommen von CWA in Olten, einem Unternehmen der Doppelmayr Gruppe, zu der auch Garaventa gehört. Die elektrische Steuerung wird von der Sisag AG in Schattdorf ausgeführt. Die neue Säntisbahn ist damit ein echtes Schweizer Gemeinschaftswerk.
Welche technischen Innovationen zeichnen das Projekt besonders aus?
Zum einen das Konzept mit nur einer Stütze. Zum anderen verzichten wir auf eine Berge-Bahn. Früher musste bei einer Störung eine zweite Kabine zur Hauptkabine hochgefahren werden, um die Fahrgäste zu evakuieren – das war aufwendig und sehr unangenehm für die Beteiligten. Heute haben wir keine separate Berge-Bahn mehr, sondern eine sogenannte «integrierte Räumung»: Die Kabine kann bei jedem Notfall selbstständig in die Talstation zu-rückkehren. Das erhöht die Sicherheit, den Bergungskomfort und spart Infrastruktur.
Gibt es weitere nennenswerte Verbesserungen?
Ja. Die alte Pendelbahn hatte Fangbremsen: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Zugseil reisst, würden diese zum Einsatz kommen. Neu verwenden wir ein gespleisstes Zugseil – das heisst, die Enden sind miteinander verknüpft. Bei dieser Art von Seilverbindung wird ein Seilriss ausgeschlossen, Fangbremsen werden überflüssig. Das System ist einfacher, leichter und verbessert die Windstabilität.
Wie wird die neue Kabine aussehen?
Die Kabine ist asymmetrisch geformt: Auf der Talseite ist der Boden tiefer, damit die Fahrgäste besser hin-unterschauen können; auf der Bergseite ist das Dach höher gezogen. Grosse, abgerundete Fensterflächen sorgen für freie Sicht in alle Richtungen. Innen setzen wir auf modernes Design und maximalen Komfort – ganz nach dem Motto «Look and feel». Apropos: Ein weiteres besonderes Erlebnis bleibt der hochalpine Zwischenausstieg bei der Stütze, wo Fahrgäste ein- und aussteigen können – mitten in der eindrucks-vollen Berglandschaft.
Schweizer Pioniergeist
Garaventa, 1928 vom Seilbahnpionier Karl Garaventa gegründet, später von seinen beiden Söhnen geführt, suchte schon früh die Herausforderungen auf den Exportmärkten und verfolgte diesen Weg konsequent. Bereits 1967 baute Garaventa die erste grosse Pendelbahn in den USA. Später folgten Aufträge auf allen Kontinenten, in den Bergen, aber auch in Städten. Ein wichtiger Schritt zum globalen Marktleader war die Fusion mit Doppelmayr 2002. Seither ist die Gruppe unangefochten die Nr. 1 im Seilbahnbau. Es wurden bisher über 15’000 Seil-bahnen in 96 Ländern realisiert.
Wo liegen die grössten Herausforderungen während des Bahnbaus?
Dass alles rechtzeitig an seinem Platz ist. Ende April 2026 wird der Bahnbetrieb eingestellt, dann müssen alle Bauteile – für Stütze und Bergstation – vor Ort sein. Wir planen jeden Transportschritt minutiös, damit die Teile in der richtigen Reihenfolge angeordnet und schnell griffbereit sind. Der Säntis ist logistisch kein einfacher Ort: Alles, was fehlt oder falsch angeliefert wird, kann Arbeiten verzögern – und am Säntis bedeuten Verzögerungen sofort höhere Kosten, verpasste Wetterfenster und kompliziertere Abläufe. Folglich fordert die Logistik viel Hirnschmalz von uns (lacht)!
Wie lange dauert so ein Projekt von der Idee bis zur Umsetzung?
Insgesamt rund fünf Jahre. Ein Jahr dauert die Vorplanung, ein weiteres beanspruchen die Dossiers und Gutachten. Ist alles eingereicht, folgen die Behördenverfahren und Genehmigungen, was ein weiteres Jahr in Anspruch nimmt. Liegen die Bewilligungen vor, werden die Ausschreibungen getätigt und Bauvergaben erteilt. Im fünften Jahr erfolgt die Umsetzung. So ein Projekt braucht Geduld, aber auch Weitsicht, denn jede Entscheidung wirkt über Jahrzehnte.
Wie koordinieren Sie so viele Projektbeteiligte?
Die Gesamtleitung liegt bei Michael Wehrli von der Säntis-Schwebebahn AG. Unser Kernteam umfasst zudem Fachpersonen aus Ingenieurwesen, Architektur und Bauführung sowie unsere Garaventa-Spezialistinnen und -Spezialisten. Wir stimmen uns regelmässig ab, damit Planung, Logistik und Bau exakt ineinandergreifen. Diese Zusammenarbeit funktioniert hervorragend.
Kam auch eine Gondel- oder Cabriobahn zur Sprache?
Ja, es wurden verschiedene Bahnsysteme geprüft. Sowohl Gondelbahn als auch Cabriobahn mussten wettertechnisch verworfen werden. Wir kamen zur Überzeugung, dass bereits vor 50 Jahren an diesem Wetterberg das richtige Bahnsystem, nämlich eine Pendelbahn, gebaut wurde und dies unter Berücksichtigung weiterer Randbedingungen weiterhin richtig ist.
Was wünschen Sie sich für die neue Säntis bahn und deren Betreiberin?
Dass die Gäste spüren, was dieser Ort bedeutet: Die neue Bahn ist nicht nur ein Transportmittel, sie ist ein Stück Schweizer Ingenieurskunst. Wer hinauffährt, soll staunen, sich wohlfühlen – und den Säntis aus einer ganz neuen Perspektive erleben.
«Säntis 2026»
Was kostet das Projekt?
Die vom Verwaltungsrat im Dezember 2023 genehmigte Gesamtbausumme beläuft sich auf 22,7 Mio. Franken, wovon 15,8 Mio. Franken für die Seilbahntechnik vorgesehen sind. Darin nicht enthalten sind die Kosten für den Betriebsunterbruch.
Gibt es mit der neuen Bahn wieder die Möglichkeit eines Zwischenausstiegs?
Ja, bei der Zwischenstütze im Bereich der heutigen Stütze 2 ist wieder eine Ausstiegsmöglichkeit geplant. Der Zwischenausstieg ist deutlich höher und deshalb noch spektakulärer.
Sind die Restaurants und das Hotel auf der Schwägalp geöffnet?
Die beiden Restaurants Schwägalp und Passhöhe sowie das Drei-Sterne-Superior-Hotel «Säntis – das Hotel» stehen Ihnen während der Bauphase wie gewohnt zur Verfügung.
Ist das Restaurant Säntisgipfel während der Bauphase geöffnet?
Während des Bahnunterbruchs (Mai bis Spätherbst 2026) ist die Bergstation für Gäste geschlossen und nur für die Bauarbeiter und wenige Mitarbeiter der Säntis-Schwebebahn zugänglich.
Wanderer können sich in dieser Zeit im Berggasthaus Alter Säntis und den umliegenden Berggasthäusern verpflegen.
Wann fährt die Bahn nicht?
Die Säntis-Schwebebahn ist infolge Erneuerung der Bahn von 1. Mai bis Spätherbst 2026 eingestellt.
Das Hotel und die Restaurationsbetriebe auf der Schwägalp sind geöffnet.
Warum wird eine neue Bahn gebaut?
Am 6. April 1974, wurde die heute in Betrieb stehende Säntis-Schwebebahn eingeweiht und seither laufend modernisiert. Daher erscheint es zu früh, die Bahn komplett zu erneuern. Nach einer Lawine im Jahr 2019, die die untere Seilbahnstütze beschädigte, musste Stütze 1 so weit instand gesetzt werden, dass die Sicherheitsanforderungen wieder erfüllt wurden. Das Bundesamt für Verkehr erteilte daraufhin eine begrenzte Betriebsbewilligung bis Ende 2025, um ausreichend Zeit für den Bau einer neuen Stütze mit umfassendem Lawinenschutz zu schaffen.
Da die bestehende Bahn mittelfristig weitere Investitionen erfordert hätte, begann man, eine komplette Neuerung der Anlage zu prüfen. In einem ersten Projekt sollte die Bahn in der bestehenden Nordkaverne der Swisscom Broadcast AG einfahren, damit der Betriebsunterbruch möglichst kurz ist. Eine Einsprache forderte jedoch die Prüfung der Schutzwürdigkeit des Gebäudes auf dem Säntisgipfel. Dies hätte die zeitliche Planung erheblich erschwert und eine Realisierung des Projekts innerhalb der aktuellen Betriebsbewilligung unmöglich gemacht.
Daraufhin zog die Säntis-Schwebebahn AG das ursprüngliche Gesuch zurück und erarbeitete 2023 ein angepasstes Projekt unter dem Namen «Schwebebahn 2026».