Wo Verantwortung beginnt
Es ist ein Mittwoch im Frühsommer. Daniel Bommeli wird von einem Arbeitskollegen darauf hingewiesen, dass eine Person in absolut unwegsamem Gelände unterwegs sei. Ein Blick von der Talstation auf die Säntiswand bestätigt die Aussage: Auf einem grasigen Band unterhalb der Stütze 1 befindet sich eine etwas verloren wirkende Person mit ihrem Hund – an einer Stelle, wo er noch nie zuvor einen Menschen gesehen hat. Situationen dieser Art sind belastend, denn Bommeli ist hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass nichts passiert, und seinem Verantwortungsbewusstsein, zu wissen, wo die realen Gefahren und Risiken liegen. «Solange sich die Person – auch ausserhalb von bekannten Routen – im Gelände fortbewegt und keine offensichtlichen Anzeichen einer Notlage erkennbar sind, bleibt uns nur die Option, weiter zu beobachten», so Bommeli. Es sind Momente wie diese, die zeigen, wie schmal der Grat zwischen einem unauffälligen Wandertag und einem möglichen Rettungseinsatz ist. Für Daniel Bommeli, Stv. Technischer Leiter der Säntis- Schwebebahn AG und Einsatzleiter bei der Alpinen Rettung Ostschweiz (ARO), ist der Berg nicht nur Arbeitsplatz, sondern Heimat, Pflichtgefühl, Passion und eine Plattform für menschliche Grenzerfahrungen.
Der Berg ruft – nicht immer zum Guten
Laut der Bergnotfallstatistik des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) mussten im vergangenen Jahr 3’570 Personen in den Schweizer Alpen gerettet werden – mehr als im Vorjahr. Besonders deutlich ist der Anstieg bei blockierten, aber unverletzten Berggängerinnen und Berggängern. Was harmlos klingt, zeigt eine ernstzunehmende Tendenz: Immer mehr Menschen geraten in Not, weil sie überfordert, schlecht vorbereitet oder schlicht orientierungslos sind. «Viele Leute gehen los, ohne sich über das Gelände, Wetter oder ihre eigene Kondition im Klaren zu sein», sagt Bommeli, ohne vorwurfsvoll zu klingen, aber mit wachsender Sorge. Denn er erlebt hautnah, was passiert, wenn Wanderlust auf Gedankenlosigkeit trifft.
«Viele Leute gehen los, ohne sich über das Gelände, Wetter oder ihre eigene Kondition im Klaren zu sein.»
Zwischen Selfies und Steigeisen
Die typischen Fehler wie unterschätzte Verhältnisse, überschätzte Fitness, völlig ungeeignete Ausrüstung und das Handy als einziger Kompass nehmen zu. Bommeli erzählt von Menschen, die mit Turnschuhen im pickelharten Schneefeld stehen oder mit dem Rollkoffer Richtung Schäfler marschieren. «Auch im Juni kann es sein, dass man ein Schneefeld nur mit Steigeisen sicher begehen kann», so der Bergretter. Die Wanderskala T1 bis T6, die anzeigt, welchen Schwierigkeitsgrad eine Route hat? Vielen unbekannt. Stattdessen: ein Instagram-Foto als Tourenmotiv. Manche kommen am späteren Abend auf dem Säntisgipfel an und sind überrascht, wenn die Bahn nicht mehr fährt. Was sich in den letzten Jahren verändert hat: die Altersgruppe. Laut Bommeli sind es heute oft junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren, die zwar technisch versiert, aber ohne jegliches Gespür für den Berg unterwegs sind.
Wie alles begann – vom Seil zur Struktur
Es ist noch nicht so lange her, da war der Berg ein Ort der Forschung statt des Vergnügens. Erst im 19. Jahrhundert, als englische Pioniere die Faszination des Alpinismus entdeckten, wurde das Bergsteigen zum Sport. Was diese in luftiger Höhe suchten, rief bei der Bevölkerung im Tal vor allem Unverständnis hervor. Viele hielten nichts davon, dass Verunfallte auf Kosten der Allgemeinheit gerettet wurden. Also nahm der Schweizer Alpen-Club die Sache in die Hand und rief 1901 ein eigenes Rettungssystem ins Leben.
Die Idee: Wer in Not gerät, soll sich auf andere verlassen können. Bald entstanden im ganzen Land Rettungsstationen, Hilfspersonen wurden ausgebildet, Kartenmaterial verbessert, Ausrüstungen angepasst. Mit den Jahren änderte sich das Bild. Immer öfter wurden auch Nichtmitglieder gerettet, immer komplexer wurden die Einsätze. Der Club konnte die wachsende Verantwortung nicht mehr allein tragen, und so entstand 2005 die Stiftung Alpine Rettung Schweiz (ARS), gegründet vom SAC und der Rega. Sie verbindet ehrenamtliches Engagement mit professionellen Strukturen – für all jene, die am Berg Hilfe benötigen.
T1 bis T6: Route sicher planen
Die Wanderskala T1 bis T6 – vom Schweizer Alpen-Club SAC – beschreibt die technischen Schwierigkeiten von Bergwanderwegen und hilft, Touren besser einzuschätzen.
T1 steht für einfache Wanderwege, T6 für anspruchsvolles Alpinwandern mit ausgesetzten Passagen und Kletterstellen. Dazwischen gibt es weitere Abstufungen. Die Skala mit den sechs Schwierigkeitsstufen ist wichtig, um eine Route entsprechend der eigenen Erfahrung, Ausrüstung und Verfassung planen zu können.
Wichtig zu wissen:
- Schwierigkeit ≠ Fitness: Auch einfache Touren können konditionell fordern.
- Je höher der T-Grad, desto mehr Trittsicherheit, Erfahrung und Orientierung ist gefragt.
- Bei allen Stufen: Gute Schuhe, passende Ausrüstung und Wettercheck gehören immer dazu
Unterwegs helfen die farbigen Wegmarkierungen bei der Orientierung und zeigen den Charakter eines Weges an:
- Gelb: Wanderwege – meist einfach, ohne alpine Gefahren.
- Rot-Weiss: Bergwanderwege – teils steil oder ausgesetzt, Trittsicherheit nötig.
- Blau-Weiss: Alpinwanderwege – weglos, mit Kletterstellen und alpiner Erfahrung.
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Ab der Schwägalp starten abwechslungsreiche, gut begehbare Wanderungen in verschiedene Richtungen. Ideal für alle, die den Alpstein aktiv erleben möchten mit schönen Ausblicken.