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Er bringt Holz zum Klingen

Obadia Nicollerat ist Geigen­bauer in Appenzell mit venezolanischen Wurzeln. Für seine Instrumente verwendet der 30­- jährige ausschliesslich Holz aus der Säntisregion: vor 40 Jahren bei Neumond geschlagene Fichte von der Potersalp mit feiner Jahrringstruktur und geraden Fasern. Mit viel Geduld und Präzision ver­wandelt er diesen Rohstoff in Violinen, Cellos oder Bassgeigen.

Obadia, du bist nach einem Propheten benannt. Wie passt das zu dir?

(lacht) Na ja, mein Name passt eigentlich viel besser zu meinem Vater. Er war katholischer Pfarrer und wurde in den 1960er-Jahren als Missionar oder, wenn man so will, als eine Art «Prophet» nach Venezuela geschickt, um dort Schulbildungsangebote und Infrastrukturen aufzubauen. Irgendwo im venezolanischen Nirgendwo verliebte er sich in meine Mutter, eine Krankenschwester aus dem Kanton Luzern, die im selben Dorf ein Praktikum machte. Daraufhin schwor mein Vater dem Zölibat ab und quittierte seinen kirchlichen Dienst.

 

Du bist in Venezuela aufgewachsen. Wie war das?

Meine Kindheit in Venezuela war wunderschön. Ich, meine Eltern und meine sechs Geschwister lebten auf einer Hacienda, bauten Kakao an, stellten Schokolade her und hielten Tiere. Sonntags ritten wir zu neunt aus – das war für uns so normal wie für Schweizer Familien ein Wanderausflug. Mittlerweile habe ich aber hier in Appenzell eine eigene Familie gegründet, und wir fühlen uns sehr wohl. Unser fünfjähriger Sohn Noah und die dreijährige Elisabeth lieben es, stundenlang mit den Nachbarskindern im Schnee zu spielen.

Meine Frau Laura, die gebürtige Venezolanerin ist, und ich sind aber echte «Gfrörli», die es gerne wärmer hätten. Heimweh haben wir selten, denn die korrupte Situation in unserem Heimatland macht eine Rückkehr schwierig. Von meinen sechs Geschwistern leben mittlerweile fünf in der Schweiz. Nur mein ältester Bruder bewirtschaftet weiterhin seine Farm in Venezuela und unser 87-jähriger Vater überwintert jedes Jahr in unserem Elternhaus.

Wie bist du zum Geigenbau gekommen?

Unsere Familie war sehr musikalisch. Wir traten bei kleineren Feiern als Kammerorchester auf, wobei ich Cello gespielt habe. Mit 15 Jahren begann ich in Venezuela ein Studium im Geigenbau. Später brachte ich mir selbst Italienisch bei und zog nach Cremona, wo ich bei den Nachfahren von Stradivari gelernt habe. Das war eine unglaublich prägende Zeit für mich.

 

Und wie hat es dich nach Appenzell verschlagen?

Während meiner Lehrzeit in Italien suchte ich einen Sommerjob. Durch meinen ältesten Bruder, der damals in St.Gallen lebte, kam ich nach Appenzell und arbeitete als Strassenbauer. Nach meiner Lehrzeit in Cremona kehrte ich zurück und richtete mir hier im Zunfthaus meine Geigenbauer-Werkstatt ein.

 

Von wo stammt das Holz, das du für deine Instrumente verwendest?

Ich hatte das Glück, dass ich von einem Bekannten einen grossen Bestand an Fichtenholz übernehmen konnte. Dieses wurde vor 40 Jahren am Fusse des Säntis auf der Potersalp gefällt. Ich verwende Ahorn für die Böden und Fichte für die Decken der Streichinstrumente. Da geeignetes Ahornholz in der Ostschweiz rar ist, kaufe ich ab und zu kleine Chargen oder speziell schönes Fichtenholz dazu. So verwende ich beispielsweise auch Holz aus der übrigen Schweiz, aus Deutschland oder Norditalien.

 

Worauf achtest du bei der Auswahl für das Holz?

Wichtig ist, dass das sogenannte Klangholz unter den richtigen Mondphasen geschlagen wird, damit es sich später nicht mehr verzieht. Es gibt Instrumentenbauer, die sogar nur Holz verwenden, das am 21. Dezember, dem «kürzesten» Tag im Jahr, geschlagen wurde. In Cremona wurde uns zudem immer gesagt, dass das Holz mindestens 20 Jahre gelagert sein muss. Danach verändert es sich nicht mehr und eignet sich perfekt für den Geigenbau.

Pilzholz: Der Klang der Zukunft?

Die Wahl des richtigen Holzes ist entscheidend für den Klang einer Geige. Geigenbauer- meister Antonio Stradivari hatte diesbezüglich zu seinen Lebzeiten ziemliches Glück, denn damals, während der «Kleinen Eiszeit» (1645–1715), wuchsen Fichtentannen langsam und gleichmässig. Dieses Holz mit schmalen Jahrringen und geringem Spätholzanteil verwendete Stradivari für seine legendären Violinen.

Die Stradivari-Violinen sind aus Holz mit niedriger Dichte und hoher Schallgeschwindigkeit gemacht, was zu ihrem schier unnachahmlichen Klang beigetragen hat. An der Empa in St.Gallen ist es 2009 gelungen, im Labor die besonderen Eigenschaften des Holzes aus der Stradivari-Epoche zu erzeugen:

Durch eine Behandlung mit einem speziellen Pilz wird die Holzdichte reduziert und die Struktur homogener, was den Klang verbessert. In einem Blindtest spielte der britische Violinist Matthew Trusler hinter einem Vorhang fünf Geigen, darunter seine eigene Stradivari von 1711, zwei pilzbehandelte und zwei unbehandelte Instrumente. Sowohl die Fachjury als auch das Publikum hielten den Klang einer der pilzbehandelten Geigen für den besten und vermuteten, es handle sich um die Stradivari. Aktuell wird weiterhin an der Methode geforscht. Es könnte also gut sein, dass Pilzholz zum neuen Standard im Geigenbau wird.

Spielt auch das Aussehen eine Rolle bei der Holzauswahl?

Ideales Klangholz für den Geigenbau zeichnet sich durch eine gleichmässige Jahrringbreite von maximal zwei Millimetern und geraden Fasern ohne Drehwuchs aus. Zudem sollte das Holz leicht sein, was ein Zeichen für sehr trockenes Holz ist. Optisch achte ich darauf, dass das gespaltene Holz ausgeprägte, harmonische Markstrahlen hat. Diese geben später dem Instrument seinen individuellen Charakter.

 

Was ist beim Geigenbau besonders wichtig?

Präzision und Geduld. Eine Geige zu bauen dauert 250 bis 300 Stunden. Jedes Teil wird per Hand geformt, gehobelt und geschliffen, bis alles perfekt ist. Danach bepinsle ich den Rohling bis zu 30-mal mit selbstgemischtem Lack, damit er diese cognacgoldene Farbe bekommt.

 

Kannst du vom Geigenbau leben?

Seit Sommer 2024 habe ich ein Teilzeitpensum in Wetzikon an der Musikschule Zürcher Oberland, wo ich für die Instrumentenverwaltung der über 500 Schülernen und Schüler verantwortlich bin. Diese Tätigkeit ist eine schöne Ergänzung zu meiner Werkstatt in Appenzell, in der ich weiterhin Instrumente baue. Ich bin sehr froh, dass ich von meiner Leidenschaft leben kann. Das ist bei circa 160 Geigenbauerinnen und -bauern, die es in der Schweiz gibt, keine Selbstverständlichkeit.

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