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Altes Handwerk – junge Hände

In einer Welt, die von Auto­matisierung und Massen­produktion geprägt ist, wirkt die Weissküferei wie ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. Doch für den 31-­jährigen Reto Mösli ist dieses Handwerk seine berufliche Leidenschaft. In der Werkstatt seines Onkels Hans in Gais AR pflegt er die Kunst der Weissküferei, die heute nur noch wenige beherrschen.

Eine Tradition über Generationen

Weissküferinnen und Weissküfer stellen das Sennengeschirr her. Also alles, was die Bäuerinnen und Bauern traditionell brauchten, um die Milch ihrer Tiere auf der Alp und im Tal zu verarbeiten. Vom Melkstuhl über den typischen Fahreimer, den die Sennerinnen und Senner rund um den Säntis bei den Alpauf- und -abzügen über ihren Schultern tragen, bis hin zum Butterfass, dem «Buder». Ihren Namen bekamen die Weissküferinnen und Weissküfer, weil sie für ihre Eimer das Handwerk der Fassmacher, der Küferei anwenden. Zudem sind ihre Produkte häufig aus sehr hellem, fast weissem Holz und werden für die weisse Milch verwendet. Zu diesen traditionellen Behältern und Gefässen aus Holz wie Tanne oder Fichte zählen auch Schottenkübel oder Tansen, die mit Naturschnitzereien verziert sind.

Familiär geprägt

Das Schnitzen ist ein Aspekt seiner Arbeit, der dem jungen Weissküfer Reto Mösli besonders gefällt. Er liebt die grosse Vielseitigkeit des Handwerks: «Kein Tag ist wie der andere. Je nach Produkt kombiniere ich Fertigkeiten aus der Schreinerei, Drechslerei oder Weissküferei. Mal arbeite ich an der Drechselbank, mal schnitze ich filigrane Verzierungen. Das macht meinen Alltag sehr spannend.»

Reto Mösli wusste schon früh, dass er Weissküfer werden wollte. «Bereits in der zweiten Klasse stand mein Entschluss fest. Mein Onkel Hans und mein Vater, der ebenfalls im Betrieb mitarbeitete, haben mich inspiriert.» Doch bevor Reto im Jahr 2020 seinen Onkel in der Weissküferei zu unterstützen begann, machte er eine Schreinerlehre und bildete sich zum Projektleiter weiter. «Damals merkte ich, dass nur Büro nichts für mich ist. Ich wollte wieder mehr mit meinen Händen und direkt mit Holz arbeiten.»

Der Weg der Holzhandwerker

Bis 2008 war die Weissküferei in der Schweiz ein eigenständiger Lehrberuf. Danach wurde sie in das Berufsbild des Holzhandwerkers integriert. Die Ausbildung dauert vier Jahre. Aufgrund seiner Erstausbildung konnte Reto Mösli die beiden Vertiefungsrichtungen zum Weissküfer und Drechsler verkürzt in zwei Jahren absolvieren. Seit Sommer 2024 darf er sich offiziell Weissküfer nennen.

Die Schule besuchte Reto Mösli in Brienz. Dort werden neben Weissküferinnen und Weissküfer Lernende in vier weiteren sogenannten Kleinstberufen ausgebildet: Holzbildhauerei, Drechslerei, Korb- und Flechtwerkgestaltung und Fassküferei. Im Weiteren können auch Geigenbauerinnen und Geigenbauer ihre Ausbildung in Brienz absolvieren.

Von Fahreimern bis zu Spiegelrahmen

«Das Besondere in der Weissküferei ist, dass ich die komplette Herstellungskette begleite – vom Holzschlag bis zum fertigen Produkt», erklärt Mösli. Sein Holz bezieht er ausschliesslich aus der Region, von Forstbetrieben und Bäuerinnen und Bauern rund um Gais. «So bleibt die Wertschöpfung lokal, und ich kann die Qualität von Anfang an kontrollieren.»

Reto Mösli verhehlt nicht, dass die Nachfrage nach klassischen Weissküferprodukten eher rückläufig ist. Deshalb erweitert der 31-Jährige laufend seine Produktepalette: Personalisierte Käse- Drehplatten, Kinderstühle, Gartenbänke, Pfeffermühlen und auch Möbelstücke gehören zu seinem Repertoire. Besonders beliebt sind die Unikate als Geschenke für Hochzeiten oder Taufen und für Gabentempel.

«Ich kombiniere traditionelle Techniken mit modernen Designs. So entstehen zum Beispiel Spiegelrahmen im Appenzeller Stil, die in jedes zeitgemässe Wohnzimmer passen», erzählt er. 

Brücke zwischen gestern und heute

Um das alte Handwerk lebendig zu halten und Interessierten näherzubringen, bietet Reto Mösli Führungen und Workshops in seiner Werkstatt an. «Die Gäste können die einzelnen Arbeitsschritte kennenlernen und sogar selbst Butterbrettli verzieren.» Trotz der herausfordernden Marktentwicklung blickt der junge Unternehmer optimistisch in die Zukunft. «Aktuell merke ich, dass die Leute die Qualität und die Geschichte, die hinter den Stücken und meiner Arbeit stecken, zu schätzen wissen. Ich sehe die Weissküferei als Brücke zwischen gestern und heute», sagt Mösli. Mit Leidenschaft, Kreativität und einem feinen Gespür für Tradition will er noch lange dafür sorgen, dass dieses seltene Handwerk nicht in Vergessenheit gerät.

Die Weissküferei im Wandel

Im 18. Jahrhundert gab es in der Ostschweiz über 100 Weissküfer. Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen von Aluminiumgeschirr in den 1930er-Jahren ging die Zahl der Weissküfer stark zurück. Heute existieren in der Schweiz noch fünf kleinere traditionelle Weissküfereibetriebe. Diese bieten meist ein spezialisiertes Produktsortiment an, das sowohl traditionelle als auch moderne Bedürfnisse abdeckt. Insbesondere im Appenzellerland und im Toggenburg hat sich die Weissküferei als lebendiges Handwerk erhalten. Betriebe wie die Weissküferei Mösli in Gais, die Hans Reifler AG in Hundwil oder die Weissküferei Stauffacher in Ennetbühl pflegen diese Tradition und bieten Einblicke in ihre Arbeit.

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