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Himmlische Kräfte im Holz

Mondholz – schon das Wort allein beflügelt die roman­ tische Vorstellungskraft. Der aussergewöhnliche Rohstoff aus dem Wald hat aber noch weit mehr zu bieten: Er trägt nicht nur die Kraft des Mondes in sich, sondern eignet sich auch hervorragend für den Hausbau oder die Möbel-­ und Instrumen­tenherstellung.

Der Winter gilt traditionell als die beste Zeit für die Holzernte. Die Bäume haben ihren Saft in die Wurzeln zurückgezogen. Das macht das Holz stabiler. Einen Schritt weiter geht der Forstbetrieb Säntis. Bei Alexander Plaschy und seinem Team können Sägereien oder Holzbaufirmen Mondholz bestellen. Es ist Holz, das in der kalten Jahreszeit in der richtigen Mondphase geschlagen wird und über herausragende Eigenschaften verfügen soll.

Alexander Plaschy, Mondholz wird oft als besonders widerstandsfähig und langlebig beschrieben. Gibt es noch weitere Gründe, weshalb ihr beim Forstbetrieb Säntis darauf schwört?

Mondholz ist Holz, das in den Wintermonaten, wenn die Bäume in der so- genannten Saftruhe sind, üblicherweise bei abnehmendem Mond oder bei Neumond geschlagen wird. Dieses Holz hat besondere Eigenschaften, wie eine höhere Dichte, beim Fällen weniger Feuchtigkeit, es verzieht sich weniger und ist widerstandsfähiger gegen Pilz- und Insektenbefall. Dies macht es für die Bauherrschaft sehr interessant.

Kritische Stimmen halten Mondholz für Aberglauben. Was entgegnest du darauf?

Mondholz ist keineswegs esoterischer Irrglaube, sondern basiert auf jahrtausendealtem Wissen und Erfahrungen. Die speziellen Eigenschaften von Mondholz werden in zahlreichen Kulturen rund um den Globus geschätzt. Es heisst, dass schon die alten Römer ihre Galeeren ausschliesslich aus Mondholz bauen liessen, da es der Bohrmuschel, dem Pendant des Borkenkäfers im Wasser, wider- stand. In China wird es bis heute oft für die Herstellung von Kunstgegenständen und Möbeln verwendet, um positive Energie und Harmonie im Wohnraum zu fördern. Und in der japanischen Kultur wird es für die Gestaltung von Tempeln und Schreinen genutzt, um eine Verbindung zur Natur und zu den kosmischen Kräften herzustellen.

Gibt es wissenschaftliche Belege für die besonderen Eigenschaften von Mondholz?

Eine Studie der ETH Zürich von 2003 belegt, dass Mondholz tatsächlich eine höhere Haltbarkeit und eine bessere Resistenz gegen Witterungseinflüsse hat. Das hängt mit der Wasserspeicherung und der Dichte des Holzes zusammen. Diese Studienergebnis- se bestätigen altes, überliefertes Wissen, auf das bereits seit Jahrhunderten etwa im Instrumenten- oder Möbelbau gesetzt wird.

Seit wann bietet euer Forstbetrieb Mondholz an?

Vor 15 Jahren bekamen wir den ersten Mondholz-Auftrag. An meinen vor- gängigen Arbeitsorten in Schweden, Deutschland und im Aargau war Mondholz nie ein Thema. Deutlich angewachsen ist die Nachfrage bei uns im Forstbetrieb Säntis seitens Architekten und Zimmerleuten vor allem seit der Coronapandemie.

Wie erklärst du dir diesen Trend?

Generell ist in der Schweiz das Herkunftsbewusst- sein von Lebensmitteln und anderen Naturprodukten in den letzten Jahren stark gestiegen. Diese öko- logische Denkweise ist auch in der Baubranche angekommen. Dabei nehme ich die Ostschweiz schon als kleine Mondholz-Hochburg wahr. Bei uns ist die Bevölkerung sehr naturverbunden und Holz tief in unserer Baukultur verankert. In einem Haus mit dem Wissen zu leben, dass die Wände aus regionalem Holz gezimmert wurden, ist ein besonderes Wohngefühl. Wir liefern denn auch für unser Mondholz einen digitalen Herkunftsnachweis mit.

Fällen nach Kalender

Wer Mondholz ernten will, richtet sich oft und gerne nach dem Thoma Mondholzkalender. Dieser wurde vom österreichischen Forstwirt und Holzbaupionier Erwin Thoma entwickelt.

Laut Thoma-Kalender eignen sich 2025 der 22., 24. und 25. Oktober, der 21., und 23. November und im Dezember der 19., 20., 21. und 22. besonders gut fürs Fällen respektive Ringeln von Mondholz. Für 2026 sind die Tage vom 17. bis 20. Januar und im Februar der 15. bis 18. besonders empfehlenswert. In der Säntisregion wird zudem oft auch auf den Appenzeller Kalender vertraut. Seit 1722 gibt er jedes Jahr umfassende Informationen zu astrologischen Ereignissen, Mondphasen und traditionellen Bauernregeln.

Zudem enthält er praktische Anleitungen für die Landwirtschaft, Haushaltsführung und Gartenarbeit.

««Mondholz ist keineswegs esoteri­ scher Irrglaube. Mondholz hat eine höhere Haltbarkeit und eine bessere Resistenz gegen Witterungseinflüsse.»»

Alexander Plaschy

Forstbetrieb Säntis

Worauf achtet ihr bei der Auswahl und Ernte des Mondholzes?

Es gibt verschiedene Philosophien und Praktiken. Ich kenne Forstbetriebe, welche die Bäume direkt um den Neumond fällen. Andere schwören als Fälldatum auf den 21. Dezember, den kürzesten Tag im Jahr. Wieder andere schlagen Mondholz nur bei Neumond in den Wasserzeichen Skorpion, Wassermann und Fisch. Bei uns im Betrieb ringeln wir zuerst die ausgewählten Bäume kurz vor Leermond. Bei der Auswahl der Bäume stehen waldbauliche Überlegungen im Vordergrund. Wo wollen wir eine Waldverjüngung anregen? Wo brauchen die Pflanzen und Jungbäume mehr Licht?

Was bedeutet ringeln?

Beim Ringeln schneiden wir in den Stamm einen Ring durch die Rinde, bis und mit Kambium, der dünnen Wachstumsschicht eines Baumes. Mit dieser Methode kappen wir die Wasserversorgung des Baumes. So trocknet er langsam aus, während er noch steht, und verliert bereits am Standort einen Teil seiner Feuchtigkeit. Wenn die Witterung optimal ist, lassen wir die Bäume mindestens sechs Wochen stehen. Wenn es sehr trocken ist, müssen wir vorher fällen, weil dann die Gefahr steigt, dass sie von Borkenkäfern befallen werden. Wenn immer möglich lassen wir die gefällten

Bäume jeweils mit den Ästen für einige Wochen im Wald liegen, um den natürlichen Trocknungsprozess weiter zu unterstützen. Das erleichtert die anschliessende Verarbeitung des Holzes enorm.

Wie viel trockener ist das Mondholz konkret?

Konventionelles Holz geht jeweils mit rund 50 Prozent Feuchtigkeit in den Trocknungsofen und kommt mit circa 12 Prozent raus. Mondholz hat erwiesenermassen bereits 10 bis 20 Prozent weniger Feuchtigkeit, wenn es in den Ofen kommt. Weniger Wasser bedeutet massiv weniger Gewicht, was sich auf die Transport- und Trocknungsaufwände auswirkt. Wir können also so den Arbeitsaufwand besser über die Wintermonate verteilen und müssen uns beim Holzschlagen nicht nur auf die Neumond-Tage beschränken.

 

Wer bestellt bei euch Mondholz?

Zu 95 Prozent kommen die Bestellungen von Sägereien, die das Appenzeller Mondholz dann an Schreinereien oder Zimmereien weiterverkaufen. Unsere grösste Abnehmerin ist die Sägerei Brühwiler in Wiezikon. Bei ihr bezieht beispielsweise auch die Nägeli AG aus Gais ihr Mondholz. Jährlich fällen wir zwischen drei- und viertausend Kubikmeter Mondholz.

Könnt ihr die Nachfrage damit immer stillen?

In der Regel schon. Wir hatten aber vor drei Jahren eine grosse Bestellung für ein Bauprojekt in Meilen, bei dem eine Siedlung mit über 100 Mietwohnungen überwiegend aus Appenzeller Mondphasenholz entstanden ist. Koordiniert wurde dieses Grossprojekt von der Nägeli AG in Gais.

Welche Baumarten eignen sich besonders gut als Mondholz?

Grundsätzlich könnte jede Baumart zum Mondholz werden. Je nach Region und individuellen Eigenschaften der Hölzer gibt es individuelle Präferenzen. Bei uns verwenden wir hauptsächlich Nadelhölzer wie Fichte und Tanne, die im Bau sehr beliebt sind. Aber auch Laubhölzer wie Eiche und Ahorn sind gefragt, vor allem im Möbelbau und für Spezialanwendungen wie den Instrumentenbau. Grundsätzlich glaube ich, dass der Mond auf alle Baumarten einen gewissen positiven Einfluss hat.

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