Es ist für die Schwingerinnen und Schwinger etwas unangenehm, aber schützend zugleich: das Sägemehl.
Wann die Sennen- und Turner-Schwingerinnen und Schwinger auf die Idee gekommen sind, ihre Duelle auf einem Bett aus Sägerei-Abfall auszutragen, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. «Früher hat man auf der Wiese geschwungen. Wenn da einer Kopf voran in den Boden gerammt wurde, war das sicher nicht so gesund. Darum brauchte es eine weichere Unterlage. Sägemehl war vermutlich einfach leicht erhältlich und aufzutreiben», mutmasst Hansruedi Näf, der seit vier Jahren am Schwägalp-Schwinget jeweils für drei perfekte Kampfplätze mitverantwortlich ist.
Sägemehl aus der Region von Tannen und Fichten
Doch Sägemehl ist nicht gleich Sägemehl. So sind Harthölzer wie Buche oder Eiche für einen Schwingplatz nicht so begehrt. Viel beliebter ist weiches Holz wie beispielsweise Fichte. Dieses lässt sich mit seiner faserigen Struktur gut formen. Das Schwägalp-OK bezieht jeweils ihr Sägemehl von der Blumer-Lehmann AG in Gossau.
Bei der Blumer-Lehmann AG stammt das Sägemehl beinahe ausnahmslos von Holz, das in einem Umkreis von 100 Kilometern gewachsen ist. Wo gehobelt wird, fallen auch jede Menge Späne an: «Bei uns kommen jährlich rund 70ʼ000 Kubikmeter Sägemehl zusammen», sagt Urban Jung, Leiter des Geschäftsbereichs Holzindustrie. In Baumstämme umgerechnet sind das etwa 200 Tannen und Fichten. Einmal im Monat gibt es im Unternehmen den sogenannten «Sägemehltag», an dem die Landwirte das entstandene Nebenprodukt abholen, um es als Einstreu für ihre Tiere zu verwenden. Das Gros dieses Nebenprodukts verarbeitet das Gossauer Unternehmen zu Heiz-Pellets, jährlich sind das rund 42ʼ000 Tonnen.
Jedes Jahr 66 Kubikmeter Sägemehl für die drei Rundfelder für die Arena des Schwägalp-Schwingets. Laut Reglement des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV) sollte «das Sägemehl frisch ab Sägerei verbaut werden und darf nicht älter als ein Jahr sein».
Hans Knöpfel
Ist seit der ersten Stunde des Schwägalp-Schwingets der Herr über das Sägemehl. Miit seinem Traktor und Anhänger ist der 73-Jährige dafür verantwortlich, dass das Sägemehl rechtzeitig zum Fest auf die Schwägalp gelangt. Am Montag vor dem Schwingfest holt Hans Knöpfel die wichtige Schwingfest-Komponente in Gossau ab und bringt sie auf die knapp 30 Kilometer entfernte Schwägalp.
Bewässerung für das Sägmehl für eine stabile Unterlage
Bevor ein Böser auch nur einen Fuss auf den Sägemehlring setzt, muss das Material ordentlich bearbeitet werden. «Nach drei Tagen beginnen wir mit der Bearbeitung und wässern das Sägemehl intensiv», erzählt Schwägalp-Schwinget-Bauchef Hansruedi Näf. «Danach werden die Plätze mit einer Strassenwalze so richtig plattgemacht.» So wird aus den einzelnen Holzspänen eine feste, stabile Unterlage. Mindestens 15 Zentimeter hoch muss diese laut Reglement des Eidgenössischen Schwingerverbands sein. Der Rand des Kampfplatzes verläuft flach nach aussen und darf nicht zu abrupt abfallen.
Das Sägemehl dämpft den Fall des Schwingers und sorgt so für seine Sicherheit. Die richtige Wettkampfunterlage ist match- oder um es im Schwingerjargon zu sagen «gangentscheidend». «Würden wir das Sägemehl nur aufschütten, hätten die Schwinger keinen Halt», betont Hansruedi Näf. Zudem gibt es auf gewässertem Sägemehl die sichtbareren Abdrücke, was den Kampfrichtern als Entscheidungshilfe dient, ob ein Schwinger nun ganz auf dem Rücken liegt oder nicht.
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BuchenMit Rechen im Einsatz für einen sauberen Ring
Während des Wettkampftages muss das Team um Hansruedi Näf die Ringe immer wieder instand setzen, damit die Schwinger jeweils die gleichen Bedingungen vorfinden. Auch für die Kampfrichter ist es wichtig, dass die Ringe immer schön sauber gerecht werden. Wie häufig die «Recheler» zum Einsatz kommen, ist aber auch abhängig davon, wie ungestüm die Schwinger im Sägemehl agieren und sie diesen verlassen. Es sei auch ein Mitgrund, warum der eine oder andere Nachwuchsschwinger den Sport nach den ersten paar Probetrainings wieder an den Nagel hänge. «Entweder liebst du das Sägemehl oder du hörst mit dem Schwingen wieder auf.»
Am Vortag vor dem grossen Auftritt erhalten die Sägemehlringe auf der Schwägalp einen besonderen Schmuck: Mit Hilfe einer Schablone und biologisch abbaubarer Farbe wird das Logo des Schwägalp-Schwingets in die Mitte des Platzes gesprayt. Am Sonntag wird diese vergängliche Pracht bereits nach dem Einsatz des ersten Schwingerpaares verwischt sein.
Rücken putzen als respektvolles Zeichen
Apropos wischen: Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Sieger eines Ganges dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken putzt. Diese Geste symbolisiert den Respekt und die Fairness, die im Schwingen eine zentrale Rolle spielen. Es ist ein Zeichen der Demut des Siegers, das die Leistung des Unterlegenen anerkennt. Nach dem Schwägalp-Schwinget wird das Sägemehl mit Baggern wieder eingesammelt. «Die Menge, die zurück an Blumer-Lehmann geht, fällt jedes Jahr etwas anders aus. Es gibt jeweils vereinzelte Bäuerinnen und Bauern sowie Pferdezüchterinnen und Pferdezüchter, die das Sägemehl nach dem Fest als Einstreu für ihre Tiere im Stall weiterverwerten», erzählt Hansruedi Näf.
«Bei Blumer-Lehmann wird das wettkampferprobte Sägemehl nach dem Fest grösstenteils zu Heizungsmaterial weiterverarbeitet oder an die Plattenindustrie geliefert», erklärt Urban Jung und fügt an: «Es könnte also sein, dass jemand mal ein Haus aus dem Sägemehl baut, in dem ein Schwingerkönig geschwungen hat!»