Bahn in Betrieb

1943

Gründung der Grenadierkompanien

Am 15. Juli 1942 beobachtet General Henri Guisan die Gefechtsübungen geleitet von Hauptmann Matthias Brunner auf der Schwägalp. Am 18. Februar 1943 unterschrieb General Guisan en Befehl Nr. 13/819, der die Aufstellung einer neuen Truppeneinheit «Grenadiere» regelt. Hauptmann Brunner gilt seither als des Grenadier-Vater einer stolzen Truppe, die 2018 Ihr 75-järiges Bestehen feierte.

Die Geburtsstunde der Grenadiere anno 1943

Am 18. Februar 1943 unterschreibt General Henri Guisan den Befehl Nr. 13/819. Das sieben-seitige Dokument regelt die Aufstellung einer neuen Truppeneinheit: der Grenadiere. Dem Befehl ging im Sommer 1942 eine Demonstration auf der Schwägalp voraus, die von einem initiativen Offizier geleitet wurde. Hauptmann Matthias Brunner gilt seither als Grenadier-Vater. Seine stolze Truppe feierte 2018 ihr 75-jähriges Bestehen.

General Guisan fährt mit seinem Tross auf der Schwägalp vor
Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen und im Folgejahr mit der Invasion von Dänemark und Norwegen seine Fortsetzung fand, wa-ren nicht nur Frankreich und Grossbritannien ob der operativ schnellen und modernen Kriegsführung überrascht, sondern auch die Schweiz.
Ausbildung blieb zurück
Auch die Schweiz war gefordert, denn obwohl die Ausbildung der Schweizer Armee nach der Mobilmachung im Herbst 1939 vorangetrieben wurde, blieb die Ausbildung und insbe-sondere jene bei der Infanterie hinter den Anforderungen des aktuellen offensiven Kriegs-handwerks zurück.
Es bestand grosser Handlungsbedarf, doch nicht jeder in der Armeeführung schien die Zei-chen der Zeit zu erkennen.
Es war ein junger – beim Ausbruch des Krieges 29-jähriger – Instruktor der Infanterie, der in Eigeninitiative seine Soldaten schulte. Seine Motivation: Er war der festen Überzeugung, dass die Armee den Anschluss an die infanteristische Ausbildung für einen modernen Krieg verpasst hatte und Nachholbedarf bestand.
In einer damals eher ungewohnten Art schulte der Kdt der Füs.Kp.11/80, Hptm Matthias Brunner, seine Soldaten im Nahkampf mit dem Bajonett, dem Karabiner, HG und dem Flam-menwerfer. Darüber hinaus experimentierte Hauptmann Brunner auch mit behelfsmässigen Waffen.
Seine Aktivitäten blieben nicht unbemerkt, und so konnte seine von ihm ausgebildete Trup-pe am 18. April 1940 an einer Vorführung an der Schiessschule in Walenstadt ihr Können demonstrieren.
• Der Anlass war eine Einladung des Armeekommandos an die in- und ausländische Presse nach Walenstadt.
• Der Öffentlichkeit sollte die Schiessschule vorgestellt und der Ausbildungsstand der Inf gezeigt werden.
Schwägalp Juli 1942
Der nächste Schritt folgte bald und stellte eine weitere Vorführung der aus Freiwilligen zu-sammengestellten und von Matthias Brunner ausgebildeten Infanteriepionier-kompanie dar. Am 15. Juli 1942 zeigten sie ihr Können auf der Schwägalp. Zuschauer waren General Guisan, einige Heereseinheitskommandanten sowie die Militärattachés der Achsenmächte, so der deutsche Oberst von Ilsemann. Sie alle zeigten sich tief beeindruckt von dem, was sie sahen.

General Guisan während der Gefechtsdemonstration auf der Schwägalp
Oberst i Gst Bernard Barbey, von 1940 bis 1945 Chef des Stabes des Generals, war an der Vor-führung dabei. Nach dem Krieg schrieb er in seinem 1948 erschienen Tagebuch «Fünf Jahre auf dem Kommandoposten des Generals»:
«Das von Instruktionshauptmann Brunner, Spezialist des Nahkampfes, ausgearbeitete Pro-gramm ist sehr gut überlegt: es illustriert die Reihe der Kampfphasen, die heute in jeder Ein-heit der Feldarmee den Infanteristen und Sappeuren beigebracht werden können und soll-ten, und namentlich die Panzerabwehr.
Den ganzen Tag, zwischen Kappel und Schwägalp, am Fusse des Säntis, folgen sich HG-Angriffe, Sturm gegen Häuser, Flammenwerferangriffe, Handstreiche im scharfen Schuss, bei scheusslichem Wetter, in typischem Hinterhalt-Gelände.
Die Leute stürzen sich von Steinbrüchen herab, rollen sich in Krächen und Gräben hinunter, werfen sich ins Wasser, erstellen behelfsmässige Flussübergänge, die sie nachher auf den Schultern wegtragen, in die volle Strömung getaucht. Kurz und gut, überall Unterneh-mungsgeist und Gespanntheit, ein Aufleben dessen, was wir den «Geist von Morgarten» nennen.

General Guisan inspiziert die Gefechtsvorführung im Gelände auf der Schwägalp
Noch auf der Schwägalp fasste General Guisan den Entschluss, Grenadiere als festen Be-standteil in die Armee aufzunehmen. Es dauerte noch bis in das Folgejahr, bis die Umsetzun-gen befohlen wurden.

18. Februar 1943
Am 18. Februar 1943 unterschrieb der Oberbefehlshaber der Armee, General Henri Guisan, den Befehl Nr. 13/819. Unter dem Titel «Aufstellung von Pionier-Kompagnien» hielt das Do-kument die Aufgaben der neuen Truppe fest.
• Abwehr und Vernichtung von Kampfwagen
• Kampf im Innern von Ortschaften
• Kampf um Bunker und Stützpunkte
• Unternehmungen des Kleinkrieges
• Handstreiche und anderes mehr
Bestand und Organisation
Einer der Hauptgründe für die Aufstellung war die Erkenntnis, dass die moderne Kriegsfüh-rung die Infanterie und die leichten Truppen vor Kampfaufgaben stellt, die den Einsatz be-sonders ausgebildeter und ausgerüsteter Stosstrupps notwendig machen. Der ambitiöse Zeitplan sah vor, dass bis spätestens Ende 1943 alle Kompanien aufgestellt waren.
In weiteren Abschnitten wurden unter anderem Aspekte wie Bestand und Organisation, Bei-stellung der Bestände, Abzeichen, Umschulung, Bewaffnung und Ausrüstung, Kosten oder Ausbildung in Rekrutenschulen kurz und knapp festgehalten.
Interessant sind dabei zwei Aspekte, die einerseits das gute Gespür von Henri Guisan und anderseits die Wichtigkeit der neuen Truppen unterstrichen.
• Guisan, obwohl französischer Muttersprache, verstand und sprach die deutsche Sprache perfekt. Die Landesregionen waren ihm so Wichtig, dass er diesen Umstand ausdrücklich festhielt.
• Darüber hinaus erkannte er: Eine dermassen spezialisierte Einheit, wie es die neu aufzu-stellenden Grenadiere sein sollen, muss länger, härter und noch besser ausgebildet wer-den.
Kompanien von 154 Mann
Gemäss dem Befehl des Generals waren in allen 37 Inf Rgt, in den sechs mech Rgt und in der Festung Sargans je eine Kp aufzustellen und einzugliedern.
• Dabei sollte jede Kp einen Stabszug und vier Pionierzüge umfassen.
• Je nach Unterstellung bestand die Kp aus 154 Mann bei den mech Trp respektive 149 Mann bei der Inf.
• Der Kdt, ein Hauptmann, wurde von jeweils fünf weiteren Offizieren – je einem pro Zug – unterstützt.
19 Funktionen pro Einheit
Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, bestand eine Kompanie aus unterschiedlichen Gradstu-fen und bis zu 19 Funktionen wie Pioniere, Flammenwerfer-Mechaniker, Büchsenmacher, Führer, Motorfahrer, Sanitätssoldaten oder Büroordonnanzen.
Die Zuteilung der Mittel und der Waffen waren je nach Regimentstyp – Leichtes Regiment (L.Rgt.) oder Infanterie Regiment (Inf.Rgt.) – zahlenmässig leicht unterschiedlich, doch be-stand sie aus Karabinern 31, Maschinenpistolen, leichten MG 25, 25-mm Tankbüchsen, Flam-menwerfern, Handgranaten und Sprengstoff.
Um die Motorisierung der Schweizer Armee stand es während des ganzen zweiten Welt-kriegs schlecht. Die den Kompanien zugewiesenen Lastwagen dienten in erster Linie dem Transport von Ausrüstung und Munition und erst in zweiter Linie dem Mannschaftstrans-port. Grosse Verschiebungen wurden mittels Bahntransporten oder zu Fuss ausgeführt, was auch eine Folge des akuten Triebstoffmangels war. Die Offiziere hatten teilweise Pferde.
Verwirrung um den Namen
Wie im Befehl Nr. 13/819 in der Betreffzeile festgehalten, erhielten die Einheiten vorerst die Bezeichnung Pionier-Kompagnien. Da jedoch Offiziere der Übermittlungstruppen mit Pio-nier nicht einverstanden waren, kam es zu einer Namensänderung. So verfügte General Guisan gegen Ende März 1943, dass die neu aufzustellenden Einheiten nicht Pionier-, son-dern neu Grenadierkompanien heissen sollten.
Doch auch diese Namensänderung stiess auf Widerstand. Die gewählte Schweizer Bezeich-nung war Kritikern zu nahe an den Grenadier-Regimentern der Wehrmacht. Der Vorsteher des EMD, Bundesrat Karl Kobelt, erhielt deshalb von einem Offizier einen Brief, in dem die-ser seine Befürchtungen zu Ausdruck brachte, dass der Name als unschweizerisch empfun-den wird und die stärksten Reaktionen zur Folge haben könnte. Es folgte ein kurzer Brief-wechsel zwischen dem Chef EMD und dem General. Am Ende war das Problem mit dem Na-men gelöst: Guisan wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass dies nicht die Absicht ge-wesen wäre und in zahlreichen kantonalen Milizen der vergangenen Jahrhunderte in der Schweiz bereits «Grenadier-Kompagnien» bestanden hätten.
Der Umschulungskurs 1943
Gemäss Befehl 13/819 sollten bis am 31. Dezember 1943 alle Grenadierkompanien aufgestellt, ausgebildet und bereit sein.
Um dieses ambitionierte Ziel in weniger als elf Monaten umsetzen zu können, musste unmit-telbar mit der Planung der Ausbildung und deren Umsetzung begonnen werden. Die Umset-zung erfolgte vor dem Hintergrund der schwierigen Versorgungslage der Schweiz. Sie erfor-derte Improvisation und Engagement der Offiziere und Mannschaften. Eine Eigenschaft, die für Grenadiere heute noch wichtig ist.
Durchgeführt wurden die Umschulungskurse in der ganzen Schweiz, jedoch vor allem auf den Waffenplätzen in Thun und im Sand bei Bern. Die Füs.Kp. 13 von Oblt Schori war eine der Kompanien, die zur Grenadierkompanie umgeschult werden sollte. Der Umschulungskurs für die Offiziere begann in der Kaserne Thun am 12. August 1943.
• Die Absicht der ersten Woche – auch Of-KVK genannt- war:
• Das Kader kann sich für die kommenden Wochen einstimmen.
• Offene Fragen in der Ausbildung und in der Führung werden gelöst.
• Das Schwergewicht liegt in der Waffenausbildung und in der körperlichen Ertüchtigung.
Waffenausbildung
Diese Ausbildung für die Of in der ersten Woche umfasste alle Waffen der Grenadiere. Die Grenadiere verfügten im Unterschied zu den anderen Infanterieeinheiten über mehr unter-schiedliche Waffen. Teilweise waren die Waffen neu und mussten von Grund auf ausgebildet werden. Obwohl es dabei mehr um die Kenntnisse und die Sicherheitsvorschriften der ver-schiedenen Waffen als um die Handhabung jeder Waffe ging, stand der Umgang mit den Waffen auch auf dem Programm.
So wurden Einzelgefechtsübungen im scharfen Schuss und Schiessarten wie Schnell- und Hüftschuss mit dem Karabiner oder rasches und Sturmschiessen mit dem LMG praktiziert, und zwar mit
• Karabiner (K31)
• Maschinenpistole
• Leichtes Maschinengewehr 25 (Lmg)
• Tankbüchse 41 (Tb 41)
• Flammenwerfer
• Handgranaten
• Sprengausbildung
Taktik im Ortskampf
Daneben beschäftigten sich die Offiziere
• mit der Taktik im Ortskampf, im Kleinkrieg, in der Stürmung und Einnahme von befestig-ten Stützpunkten sowie dem Aufrollen von Gräben
• mit Körperschulung (Turnen, Laufen, Nahkampf, Hindernisbahn, Spiele) und soldatischer Ausbildung (Exerzieren, Soldatenschule)
Nach dem Of-KVK kamen die Unteroffiziere. Ihr Wochenprogramm war mit jenem der Offi-ziere vergleichbar. Grösster Unterschied bildete eine tägliche Sequenz in Befehlsübungen.
• Dem Unteroffizier kommt in der Führung einer Einheit eine entscheidende Bedeutung zu.
• Er muss ein guter Soldat sein und sein Handwerk beherrschen.
• Er muss die ihm unterstellten Soldaten führen können.
• Dabei muss ihm klar sein, was die Idee des Offiziers ist und wie er diese im Gefecht umset-zen kann.
Einrücken der Truppe
Mit dem Einrücken war die Gren.Kp.13 vollständig und Oblt Schori konnte seine Truppe aus-bilden und «einschwören».
Abgeschlossen wurde der Block für die Soldaten mit Prüfungen in der Handhabung und Kenntnis der zuvor ausgebildeten Waffen, Elementen der HG-Ausbildung, Scharfem MP-Schiessen und weiterem Leistungsprüfen. Wer seine Leistung nicht erbrachte, wurde entlas-sen.
Der nächste Ausbildungsblock, der bis zum Ende des Kurses dauern sollte, wurde in den neu formierten vier Grenadier-Gefechtszügen in Angriff genommen. Die Inhalte wurden ausge-dehnt:
• Übersetztechnik mit Klappsteg, Flossen, Schnellstegen und improvisierten Mitteln
• Häuserkampf, Kampf im Wald, an Flussübergängen und in Schützengräben
• Verlegen und das Suchen von Minen.
Stosstrupps im Kleinkrieg
In schul- und gefechtsmässigen Biwaks wurde übernachtet. Immer wieder wurden Übungen mit den Waffen eingebaut und Aktionen wie die Zerstörung von Bahnlinien gezeigt. Angrif-fe auf Bunkeranlagen, Stützpunkte, Stoss- und Kleinkriegsunternehmen wurden mit allen Waffen im scharfen Schuss trainiert und vertieft.
Am 7. Oktober 1943 wurde der Umschulungskurs erfolgreich beendet, doch nicht alle Solda-ten wurden in die neue Gren.Kp.3 übernommen. Jene Soldaten, die den Anforderungen nicht genügten, wurden am Ende zugeteilt.
Zentralisierte Ausbildung
So wie der Umschulungskurs der Gren Kp 13 abgehalten wurde, fanden 1943 über die ganze Schweiz verteilt Ausbildungen statt.
Die Verantwortung lag in den Händen der Regimenter. Obwohl mit der «Weisung für die Ausbildung der Grenadier-Kompagnien» vom 27. März 1943 eine Grundlage bestand, war gemäss Aussagen von Hauptmann Brunner die Qualität je nach Kompanie und Regiment un-terschiedlich.
Nur mit der Systematisierung der Ausbildung an einem Standort konnten die Qualität und die Einheitlichkeit verbessert werden. Darum entstand 1943 die Grenadierschule in Losone im Tessin.
Das Fundament war gelegt
Wichtige Grundlagen wie die Weisungen für die Gefechtsausbildung thematisierten erstmals neue Aspekte der Kriegsführung wie die Nahkampfausbildung, das Stosstrupp verfahren, die Panzerabwehr und den Orts- und Häuserkampf.
1945 hatte die Schweizer Armee 35 Grenadier Kompanien. Die Grundlage für die kommen-den Jahrzehnte war gelegt.
Auszüge aus der Publikation 2020 im Einverständnis des Autors Kaj-Gunnar Sievert:
Kaj-Gunnar Sievert, lic phil I, MAS Projekt-Management, Leiter Fachbereich Kommunikation, Armasuisse, Kompe-tenzbereich Ressourcen und Support, Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS

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